Intensivpädagogik Blog

Übertragung und Gegenübertragung in der pädagogischen Beziehungsgestaltung

Das Dilemma traumatisierter Kinder und das der Pädagog*innen

Jeder Mensch überträgt seine frühen Bindungs- und Beziehungserfahrungen auf neue Begegnungen. Für Kinder, die durch ihre engsten Bezugspersonen traumatisiert wurden, bedeutet dies, dass ihre Verletzungen, ihre Ängste und ihre tiefen Überzeugungen in jede neue Beziehung einfliessen, auch in die zu den Pädagog*innen in einer Wohngruppe.

Die Bindungserfahrungen komplex traumatisierter Kinder sind meist hoch unsicher oder desorganisiert. Vernachlässigung, Gewalt, Missbrauch oder emotionale Überforderung prägen ihre Geschichte. Sie tragen Erinnerungen von Schutzlosigkeit, Hilflosigkeit, Scham, Ekel, Demütigung, Wut und Todesangst in sich. Auch wenn die äußeren Umstände in der Wohngruppe nun Schutz und Sicherheit bieten, bleiben die inneren Bilder und Gefühle präsent.

Die Beziehung zur pädagogischen Fachkraft ist daher nie „neutral“. Sie ist geprägt durch die innere Anwesenheit der Täterfiguren und der erlittenen Traumata. Das führt dazu, dass die Kinder ihre alten Erfahrungen auf die neue Beziehung übertragen. Sie vermuten, auch wenn das Gegenüber es gut meint, trotzdem oft Feindseligkeit, Misstrauen, Kontrollverlust.

Die Kinder stehen in einem inneren Zwiespalt. Sie sehnen sich nach Halt, Nähe und Fürsorge, doch die Angst erneut verletzt oder Überwältigt zu werden, lässt Vertrauen kaum zu.

Und nun die Gegenübertragung: 

Diese Dynamik bleibt für Fachkräfte nicht ohne Wirkung. Sie reagieren, manchmal bewusst, oft unbewusst, mit ihren eigenen Gefühlen und es können sich ebenfalls Gefühle von Hoffnungslosigkeit, Ohnmacht, Wut, Ekel oder Resignation einstellen. Manche möchten „alles hinschmeißen“, andere wiederum entwickeln einen starken Retterimpuls, mit dem Wunsch, das Kind unbedingt retten zu müssen.

Dann können Pädagog*innen in Gefahr geraten, alte Täter/Opfer Muster unbewusst zu wiederholen, so dass erzieherische Konsequenzen für das Kind traumatisch wirken können, weil sie sich wie eine Wiederholung früherer Gewalt anfühlen.

Da auch die Fachkräfte selbst eigene Bindungserfahrungen und Strategien in die Beziehung hineintragen, die unter Stress ihr eigenes Bindungssystem aktivieren, können alte Wunden und Anpassungsmechanismen sich zurückmelden. So entsteht eine komplexe Wechselwirkung: Trauma trifft auf Trauma bzw.Übertragung auf Gegenübertragung.

Daher sollten Pädagog*innen wachsam sein, um nicht in eines der drei typischen Fallen zu geraten:

Der Ehrgeiz, alles heilen zu können.
Der Ehrgeiz, alles wissen zu müssen.
Der Ehrgeiz, alles lieben zu können.

Diese Erwartungen an uns selbst sind menschlich, aber unerfüllbar. Wer sie nicht durchschaut, erlebt unweigerlich Frustration, Gereiztheit, Entmutigung und Ohnmacht.

Was bleibt also als Haltung?

Sich selbst verstehen, um die Gefühle der Kinder einordnen zu können.
Eigene Grenzen anerkennen und nicht in Retterfantasien gefangen zu bleiben.
Beziehung anbieten statt Kontrolle erzwingen, um den Kindern neue Erfahrungen von Sicherheit zu ermöglichen.
Die Aufgabe ist nicht, „alles zu heilen“.
Die Aufgabe ist, da zu sein, Halt zu geben und auszuhalten.

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